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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 16. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 16.12.2017
 
Unsere Service-Mitarbeiter mit der Advent-Sage vom 16. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Zauberer Oberleitner
Es war kurz nach Mitternacht. Um den Oberleitnerhof in Terenten heulte der Wind, die Fensterläden klapperten, in der Küche warf Kerzenlicht lange Schatten an die Wände. Der Oberleitner saß mit einem Gast am Tisch und blätterte in einem Buch. Die Schrift war rot wie Blut, auf dem Deckel war ein Totenkopf abgebildet.
„Und?“, fragte der Gast, der niemand anderer als der Teufel war, und zeigte mit seiner klobigen Hand auf das Buch: „Hab ich dir zu viel versprochen?“ „Auf keinen Fall“, antwortete der Oberleitner und strich sein zerzaustes Haar aus der Stirn. „Das Rezept von Seite hundertneun muss ich sofort ausprobieren.“ Hastig stand er auf, kramte in Schubladen und Regalen und schob am Fensterbrett zwei gewaltige Zettelstapel beiseite. „Wo sind denn die Zündhölzer?“, brabbelte er und wühlte auch noch in den Hosenraschen. „Sapperlot, wie zerstreut ich in letzter Zeit bin.“

Der Teufel rutschte auf seinem Stuhl hin und her und fing an, mit seinen Krallenfingern auf den Tisch zu trommeln. „Tja, vom vielen Studieren wird man wirr im Kopf. Du wirst staunen, wie einfach das Zaubern mit dem neuen Buch ist. Ein Kinderspiel sozusagen.“ Er ließ den Oberleitner noch ein paar Minuten gewähren, danach faltete er ein Schriftzug auseinander. „Willst du das Buch nun, ja oder nein?“ Der Oberleitner ließ das Suchen sofort bleiben. „Klar, will ich es, klar.“ „Dann unterschreib diesen Vertrag“, forderte der Teufel ihn auf. Der Oberleitner griff zu Tinte und Feder. Er kritzelte seinen Namen auf das Papier, ohne auch nur eine Zeile zu lesen.

Umständlich faltete er das Schriftstück zusammen, dann fiel ihm ein, dass der Vertrag doch wichtig sein könnte, was er soeben unterzeichnet hatte. „Was wohl?“, meinte der Teufel und lachte „Du hast mir deine Seele überschreiben. Wenn in deinem Stall ein weißes Kalb zur Welt kommt, hole ich dich. Und jetzt gib mir den Wisch her. Ich muss los, in Terenten wartet noch andere Kundschaft.“ Kurz darauf ging der Teufel wieder. Der Oberleitner sah ihm vom Fenster aus nach und musste lachen: „Der hat die Weisheit nicht gerade mit Löffeln gefressen. Im Pustertal hat noch nie eine Kuh ein weißes Kalb zur Welt gebracht. Vertrag hin oder her, dieser hirnlose Höllenbewohner wird mich nicht kriegen.“ Wieder am Tisch, las der Oberleitner noch einmal das Rezept von Seite hundertneun und machte sich erneut auf die Suche nach den Zündhölzern. Schließlich fand er sie bei den Marmeladen im Schrank und weckte seinen Knecht, der nebenan in der Kammer schlief.

„Mach flink Feuer und stell einen Topf auf den Herd“, befahl er. „Du musst für mich ein ganz spezielles Rezept probieren.“ „Aha, ein Zauberrezept“, freut sich der Knecht, tappte im Nachthemd in die Küche und tat, was ihm aufgetragen worden war. Gleich darauf ließ er im Topf Krötenfett schmelzen und streute getrocknete Nachtschatten ein. Dazu gab er Wasser, gequetschte Tollkirschen, zerriebene Buchsbaumblätter, gehackte Eisenhutwurzeln…

„Mehr!“, ordnete der Oberleitner an. „Das muss ein zähflüssiger Saft werden!“ Vom Topf stieg ein Qualm auf, dass die Küche rußschwarz wurde. Ein paar Tage später klopften drei Zimmerleute an die Haustür und beschwerten sich beim Oberleitner. „Wozu hast du uns herbestellt, willst du uns zum Narren halten? Du hast kein einziges Stück Bauholz beisammen. Womit sollen wir dir also eine Scheune bauen?“ „Wie heißt es so schön?“, antwortete der Oberleitner und hopste über den Hof wie ein Bub, der etwas ausgeheckt hatte. „Abwarten und Tee trinken. Das Bauholz wird gleich zur Stelle sein.“ Er fing den Hahn, der auf dem Misthaufen nach Futter scharrte, band ihm eine Schnur um den Hals und holte den Knecht herbei. „Du weißt, was du zu tun hast?“, fragte der Oberleitner sicherheitshalber und bat den Knecht, sich zu beeilen. „Keine Sorge“, entgegnete der, zog den Hahn an der Schnur hinter sich her und ging mit großen Schritten in den Wald.

Es dauerte nicht lange, da kam der Knecht wieder-der Hahn zog ein Bündel Strohhalme hinter sich her. Der Zimmermeister begann hellauf zu lachen: „Eine anständige Fuhr Holz ist das aber!“ „Und der Hahn ist wohl das Zugpferd?“, spotteten die Gesellen. „Ein Spinner warst du schon immer, Oberleitner. Doch jetzt bist du reif für das Irrenhaus.“ „Wenn ihr meint“, kicherte der Oberleitner und beträufelte die Strohhalme mit dem Saft, den der Knecht in der Nacht zusammengebraut hatte.
Poff, machte es, piff-poff. Und siehe da: Aus den Strohhalmen war so viel Bauholz geworden, dass es für zwei Scheunen gereicht hätte. Die Zimmerleute machten kugelrunde Augen und fingen mit der Arbeit an. Der Oberleitner hingegen rieb sich die Hände und begann das Buch mit dem Totenkopf von vorne bis hinten auswendig zu lernen. Da standen Sachen drin, Sachen, von denen er bisher nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Der Teufel hatte Recht. So war das Zaubern tatsächlich ein Kinderspiel.

In den kommenden Wochen ließ der Oberleitner den Knecht weitere Säfte kochen und lernte auch noch das Zauber mit Sprüchen und Handzeichen. Das Buch war schon ganz abgegriffen und speckig. Seltsamerweise wurde die rote Schrift immer dunkler und dicker. Der Totenkopf sah fast zum Fürchten aus.
Nach einem Monat Übungszeit hexte der Oberleitner lästigen Leuten Wanzen ins Bett. Nach zwei Monaten Übungszeit wusste er, wie man Menschen und Tiere unbeweglich machte. Nach drei Monaten konnte er von einem Tal zum anderen fliegen. Dazu musste er nur die Arme ausbreiten und zweimal mit den ausgestreckten Fingern wippen. Schon hob er ab und brauste durch die Luft, dass ihm seine Haare wild um den Kopf flatterten.

Bei diesen Ausflügen bekam der Oberleitner öfters Lust auf einen Braten; er fragte nicht lange und jagte im Wald einen Hirsch. Die Jagdaufseher lachte er aus und verzauberte ihnen keck das Gewehr. Auf diese Weise trafen die Kugeln nicht ihn, sondern flogen zu seinen Gegnern zurück. Eines Tages aber geschah das, was der Oberleitner für unmöglich gehalten hatte: In seinem Stall brachte eine Kuh ein weißes Kalb zur Welt! Als der Oberleitner das sah, schluckte er und sein Gesicht wurde wachsgelb. Mit bebender Stimme befahl er dem Knecht, die Zaubersachen in den Bach zu werfen. „Alle?“, fragte der. „Das Krötenfett, die Säfte…“ „Ja“, erklärte der Oberleitner. „Und nun mach!“ Der Knecht konnte diesen Sinneswandel nicht begreifen und fragte weiter: „Wie, das Buch mit dem Totenkopf auch?“ Der Oberleitner wurde laut. „Zum Donner, wenn ich es doch sage! Das Buch auch!“

Daraufhin zuckte der Knecht mit den Schultern, legte die Sachen in eine Kiste und schleppte sie zur Rienz. „Das soll mal einer verstehen“, murrte er. „Dieser Mann beschäftigt sich seit Jahren mit Zauberei. Und was jetzt? Wegwerfen, pah! Das muss eine vorrübergehende Laune von ihm sein.“ Mit diesen Worten schob der Knecht die Kiste in ein Gebüsch, deckte sie mit Zweigen zu und ging wieder heim.

Kaum war er dort, forschte der Oberleitner: „Und wie hat das Wasser ausgesehen, als du die Sachen hineingeworfen hast?“ „Trüb, was sonst?“, erwiderte der Knecht „Genau wie gestern und vorgestern.“ Der Oberleitner rang nach Luft, auf einmal glich sein Gesicht dem eines Todkranken. „Dann hast du nichts in den Bach geworfen, gar nichts!“, schrie er. „Versteh doch, mit der Zauberei muss Schluss sein! Der Teufel holt mich, wenn in meinem Stall ein weißes Kalb geworden wird!“
Nun bekam es auch der Knecht eilig, rannte zur Rienz und zog die Kiste aus dem Gebüsch. Zuerst warf er eine Menge Zettel in die Fluten-das Wasser gurgelte und schäumte. Danach kam das Krötenfett dran und der zähflüssige Saft-das Wasser zischte und sprudelte hoch auf. Zuletzt warf der Knecht das Buch mit dem Totenkopf hinein.

Im selben Augenblick begann das Wasser zu brodeln, färbte sich blutrot und warf solche Wellen, dass sie über das Ufer schwappten. „Teufelswerk, alles Teufelswerk!“, entsetzte sich der Knecht und musste laufen, damit die Wellen ihn nicht fortschwemmen. Als er dieses Mal nach Hause kam, brauchte ihn der Oberleitner gar nicht mehr zu fragen. „Der Bach…schrecklich…“, stammelte der Knecht. „Gut, dass die Sachen fort sind. Und jetzt musst du beten. Mit Menschen, die beten, kann der Teufel nichts anfangen.“ Dem Oberleitner leuchtete das ein, rasch kniete er sich hin und faltete die Hände. „Vater unser im Himmel“, murmelte er und „Gegrüßt seist du Maria, voller Gnade…“

Aus Angst vor dem Teufel setzte er tagelang keinen Schritt mehr vor die Tür. Als er sich wieder ins Freie wagte, entschuldigte er sich bei allen Leuten, denen er durch die Zauberei Schaden zugeführt hatte und beschloss, fortan nur noch Gutes zu tun. So kam der Oberleitner doch noch einmal davon-dem mit den Krallenfingern. Dem Höllenbewohner, dem er so leichtfertig seine Seele überschrieben hatte.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung
 
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