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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 17. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 17.12.2017
 
Sebastian und Josef mit der Advents-Sage vom 17. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Der Schatz auf dem Tobel
Es war eine sternenklare Nacht. Im Reintal zirpten die Grillen, der Bach rauschte ruhig und gleichmäßig. Beim Mair in der Aue war noch Licht und Alma, die Bäuerin, stopfte in der Stube Socken. Als sie den Kopf hob, sah sie vor dem Fenster einen rötlichen Schein und zog den Vorhang zur Seite. Im selben Moment gellte ihr Schrei durch das Haus: „Feuer! In der Ruine auf dem Tobel ist Feuer!“

Beim Mair in der Aue sprangen die Leute aus dem Bett, schlüpften fahrig in ihre Kleider und nahmen sich nicht einmal die Zeit, die richtig zuzuknöpfen. Der Wind blies die Funken von der verfallenen Burg in den Wald. Nicht auszudenken, wenn es dort zu brennen anfing! Dann war das ganze Reintal in Gefahr! Die Knechte griffen zur Schaufel, die Mägde tunkten Lumpen in den Brunnentrog und hasteten auf den Tobel, um den Brand zu löschen. Als sie dort ankamen, war in der Ruine gar kein Feuer mehr. Zu ihrer Verwunderung waren auch keine Glut und Ruß zu sehen.

Ein paar Wochen später brannte es erneut auf dem Tobel. Alma war auch dieses Mal wach, weckte ihre Leute aber nicht, sondern wartete bis das Feuer sich legte. Danach tupfte sie den Finger ins Weihwasser und bekreuzigte sich. „Bleibt weg von der Ruine!“, warnte sie die Mägde und Knechte am Morgen. „In der Nacht hat es im alten Gemäuer wieder gebrannt. Mir scheint, da oben spukt es.“

Überhaupt geschahen um den Tobel herum auf einmal seltsame Dinge. Ein Hirtenbub fand auf dem Burgweg einen Kessel voll Gold und hätte nichts lieber getan, als ihn nach Hause zu bringen. Doch die Schafe liefen in ein fremdes Feld und fraßen das saftige Gras. Also ließ der Bub den Kessel dort, wo er ihn gefunden hatte, und lief den Schafen nach, um sie aus dem Feld zu treiben. Hinterher wollte er das Gold holen und blickte sich überall um, doch der Kessel war fort. „Dumme Blöckviecher!“, schimpfte der Bub. „Nein, ich bin dumm. Ich hätte den Schatz gleich heben müssen. Das bisschen Gras, das die Schafe inzwischen gefressen hätten… Die paar Halme hätte ich mit dem Gold doch hundertausendmal bezahlt.“

Ähnlich wie dem Bub ging es einer armen Frau. Auf dem Heimweg nach Rein sah sie unter einem Berberitzenstrauch einen Handkorb mit Haselnüssen stehen und wollte ihn mitnehmen. Die Haselnüsse waren groß und auffallend schön. Meine Kinder werden sich freuen, dachte die Frau. Wir sind arm. So kann ich ihnen wenigstens eine Kleinigkeit mitnehmen. Sie hatte aber bereits zwei Bündel Reisig zu tragen, also bückte sie sich und nahm nur eine Handvoll Haselnüsse mit. Beim Gehen rieben sie in der Schürzentasche aneinander und raschelten wie Stroh. Nach einer Weile hörte sich das Rascheln an, als ob Murmeln hin- und herrollen würden.

Daheim legte die Frau die Haselnüsse auf den Tisch und wunderte sich darüber, dass sie gelblich geworden waren und matt glänzten. Auch waren sie nicht mehr leicht, sondern schwer. „Gütiger Himmel!“, rief die Frau auf einmal. „Die Haselnüsse sind zu Gold geworden!“ So schnell es ging, eilte sie zum Tobel zurück und wollte den Korb holen. Doch wo war er? Hatte er nicht unter einem Berberitzenstrauch gestanden?

Die Frau lief hin und her, schob dornige Zweige zur Seite und kroch durch kratziges Gestrüpp. Doch der Korb war weg, wie vom Erdboden verschluckt. „Aus der Traum“, jammerte die Frau und ging wieder heim. Mit dem Gold hätte sie ihren Kindern ein schönes Leben bieten können. Im Herbst lockte der Schatz auch noch eine Magd an. Sie rechte bei der Burgruine Laub zusammen und entdeckte goldene Schweinezähne. Sie lagen einfach da und glänzten im Gras. „Ich bin reich!“, jubelte die Magd, legte immer mehr Schweinezähne frei und zählte auf, was sie mit dem Gold machen würde: „Ein Haus bauen, einen schönen Garten anlegen…“ Daraufhin legte sie den Rechen zur Seite und wollte die Zähne einsammeln. Aber schwupp, schwupp, sie lösten sich auf. So, als ob der Schatz auf dem Tobel ein Eigenleben führen und den Leuten zum Spaß Streiche spielen würde.

Die Geschichten vom Schatz ging im Reintal bald von Mund zu Mund. Die Alten redeten davon. Die Jungen redeten davon. Alle zerbrachen sich den Kopf darüber, wie der Schatz zu heben war. Es war bereits November, da sahen drei Burschen eines Nachts über der Burgruine mehrere Lichter tanzen. Die Lichter taumelten und schwebten, schlangen sich wie Ranken ineinander und formten sich zu einem strahlenden Kranz. „Der Kranz hat mit dem Schatz zu tun“, meinte Klaus, einer der Burschen. „Genau“, tönten die anderen zwei, Andreas und Florian hießen. „Er zeigt uns den Schatz an. Nichts wie hin, das Gold holen wir uns.“
Die Buben rannten los, doch der Kranz drehte sich auf einmal im Kreis und sprühte obendrein Funken. „Es ist schon spät, wir müssen heim“, behaupteten Andreas und Florian daraufhin, schlugen einen Haken, als wären sie Hasen, und verschwanden blitzschnell in der Dunkelheit. „Was für Waschlappen!“, schimpfte Klaus, bog in den Burgweg ein und ärgerte sich über die Beiden. „Geht heim und esst euren Grießbrei“, murmelte er noch, „dann gehört der Schatz mir allein und ich muss ihn mit niemanden teilen.“

Der weg führte auf eine Bergkuppe, Klaus wurde langsamer und war bald ganz außer Atem. „Los, los!“, spornte er sich selber an. „In der Ruine stehen bestimmt lauter Kisten – oder Fässer gefüllt mir reinstem Gold“. Bis zur Burgruine waren es noch hundert Meter, da loderte der Lichterkranz auf und glich jetzt brennenden Fackeln.
Was soll‘s, dachte Klaus und stürmte weiter voran. Das ist nur ein Spuk, ein Trug. Also ist es nicht echt und kann mir nichts tun. Kurz darauf begann der Kranz zu zischen, als ob jemand Öl daraufgegossen hätte, doch auch das beeindruckte Klaus nicht. Nur noch ein paar Schritte, dachte er. Nur noch ein klein wenig Mut und er war reich wie sonst niemand im Tal. Schließlich erreichte Klaus die Ruine und sah sich überall nach dem Schatz um. Doch wo war der? Und was lag da für ein schwarzes Wesen am Boden? Es hatte zusammengekniffene grüne Augen. War das ein Hund? Oder ein Wolf? „Verschwinde!“, befahl Klaus, der immer noch dachte, er hätte es mit harmlosen Trugbildern zu tun. Doch das Wesen sprang auf. Aus seinem Knurren wurde ein grässliches Grollen und das Giftgrün der Augen verwandelte sich in ein stechendes Rot. Ein Herzschlag später fing die Ruine Feuer und das Wesen sprang mit einem großen Satz auf Klaus zu. „Lass mich!“, schrie der und jagte in heller Aufregung den Weg entlang, den er gekommen war. Das Wesen war hinter ihm her. Es schnappte nach ihm. Es blieb erst wieder stehen, als Klaus die ersten Häuser von Rein erreicht hatte.

Auch diese Geschichte ging im Reintal bald von Mund zu Mund. “Schrecklich, ein Geisterhund!“, flüsterten die Alten. „Entsetzlich, ein Gespensterwolf“, raunten die Jungen. „Klaus kann von Glück reden, dass er von dem schwarzen Wesen nicht erwischt worden ist.“ Danach redeten sie nicht mehr über den Schatz auf dem Tobel und zerbrachen sich auch nicht mehr den Kopf darüber, wie er zu heben war. Alle machten es wie Alma, die Bäuerin vom Mair in der Aue: „Bleibt weg von diesem alten Gemäuer“, warten sich die Leute gegenseitig. Anschließend tunkten sie den Finger ins Weihwasser und bekreuzigten sich.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung