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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 18. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 18.12.2017
 
Nathalie & Martin mit der Advents-Sage vom 18. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Die Saligen helfen der alten Salome
Es war Vormittag. Der Weg durch die Ortschaft Reschen war staubig, die Sonne brannte auf die Dächer, die Luft zwischen den Häusern flirrte wie flüssiges Glas. Salome kam aus Kumpatsch und wischte sich den Schweiß von der faltigen Stirn. „Schwül heute“, seufzte sie und strich auch noch das graue Haar zurück. „Aber was soll man machen? So ist es halt Anfang August.“

Am Dorfbrunnen trank Salome ausgiebig Wasser, anschließend nahm sie ihre Tasche und kramte eine weile darin. Wem hatte sie die getrockneten Schlüsselblumen versprochen? Dem Mesner, der Frau vom Sattler? Und wer hatte den Baldrian und den Huflattich bestellt? Die Hebamme oder die junge Weberin? „Ja, ja“, bemerkte Salome und ging wieder weiter, „so ist das mit dem Altwerden. Die Hitze verträgt man schlecht und der Kopf kommt auch nicht mehr mit.“ Aber Moment, hatte Salome nicht noch etwas vergessen? Eine Flasche Holunderbeerensaft gegen Erkältung? Etwas anderer, das sie in ihrer Waldhütte hergerichtet und dann vergessen hatte mitzunehmen? „ So was von schusselig“, meinte Salome und beschloss, erst mal zur Weberin zu gehen.

Sie litt an Schlaflosigkeit und brauchte den Baldrian. Und der Rest würde Salome noch einfallen oder der Messner, die Frau vom Sattle und die Hebamme würden ihr sagen, was für Kräuter sie bei ihr bestellt hatten. Salome bog in eine Gasse und sah schon das Haus der Weberin, da wurde es ihn ihrer Brust plötzlich eng.
„Mir ist einfach zu heiß“, murmelte sie. „Die Kräuter trage ich besser morgen aus. Jetzt muss ich heim. Ich muss dringend ein paar Herztropfen nehmen.“ Salome machte kehrt, aber der Weg zu ihrer Waldhütte oberhalb von Kumpatsch kam ihr so lang vor, als ob jemand ein Stück hinzugefügt hätte. Obendrein war ihr Kopf wie in Watte gepackt und vor ihren Augen tanzten kleine, schwarze Punkte. Kaum war Salome in der Waldhütte, sank sie in ihren Lehnstuhl und hatte nicht mehr die Kraft, die Herztropfen zu holen. Ihr Brustkorb war wie zugeschnürt. Ihre Lippen waren blass wie zwei ins Gesicht gemalte Kreidestriche. Salome saß bekümmert da, ihr Atem ging schwer und ihr Blick hing an den Regalen. Dort standen Salben gegen Gicht und Verbrennungen, Mittel gegen Blasen- und Nierenleiden… So vielen Leuten hatte sie damit geholfen. Für Salome aber hatte nie jemand Zeit. Sie war eine Eigenbrötlerin. Eine, die man lieber vor der Tür stehen lässt, als sie ins Haus zu bitten.

Mit einem Mal klopften drei weiße Tauben mit dem Schnabel ans Fenster und gurrten: „Was ist mit dir, gute Frau?“ Salome klagte: „Ach, das Alter, die Hitze, das Herz…“ Die Tauben merkten, dass das Fenster nur angelehnt war, schoben es auf, flatterten in die Waldhütte und verwandelten sich in drei wunderschöne salige Frauen. Sie trugen seidene Kleider, hatten samtweiche Stimmen und Gesichter, deren Farbton an Pfirsiche erinnerte. „Du Ärmste“, sagten sie. „Komm, wir helfen dir.“ Rasch gaben sie Salome die Herztropfen, brachten sie ins Bett und legten ihr kalte Kompressen auf die Brust. Bald darauf ging es Salome etwas besser, doch sie war unruhig und ihr Blicke irrten in der Hütte herum, als ob sie etwas suchen würde. „Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe“, sagte sie auf einmal überraschend laut. „Die Mittel gegen das Fieber. Was mache ich jetzt? Ein Kind aus Graun braucht sie ganz dringend.“

Die Saligen schauten sich um und fanden auf der Anrichte eine Flasche Apfelessig für Wadenwickel und eine Tüte mit Lindenblüten für schweißtreibenden Tee. „Meinst du das hier?“, fragten die drei, um sicherzugehen. „Genau“, antwortete Salome. „Und was ist in der Tasche, die hier am Boden steht?“, fragten die Saligen weiter. Salome erwiderte: „Ich habe in Reschen Kräuter ausgetragen, musste dann aber umkehren.“

Flink nahm eine der Saligen die Fiebermitten und die Tasche und eilte nach Graun zu dem fiebrigen Kind. Es hatte schweißnasses Haar und glühende Wangen. Mit den Wadenwickeln erholte es sich. Erleichtert ging die Salige weiter und brachte auch noch die Kräuter nach Reschen. Die Hebamme brauchte die Schlüsselblumen, der Messner nahm dankbar den Huflatich an und die junge Weberin war froh, dass sie den Baldrian für eine Teekur bekam. „Was ist mit Salome?“, fragte sie. „Fehlt ihr etwas?“ „Leider ja“, bedauerte die Salige. „Es geht ihr gar nicht gut.“

Danach verabschiedete sie sich von der Weberin, hastete durchs Dorf und kehrte schleunigst zur Waldhütte zurück. Die Häuser, die Leute – das war sie nicht gewohnt. Salige waren scheu und lebten versteckt in den Bergen. Sie liebten sie Tiere und den Wald. Den Menschen zeigten sie sich nur äußerst selten.
Wieder in der Hütte, erzählte die Salige von dem kranken Kind aus Graun und richtete Salome von der Weberin Grüße aus. „Wie schön“, sagte Salome ein paar Mal und nickte erleichtert. Aber etwas störte sie immer noch, denn gleich darauf kam bei ihr wieder die Unruhe durch. „Herrje, das getrocknete Labkraut, die Schafgarbe“, fiel ihr ein. „Ach, die Arnika- und die Enziantinkturen.“

Die Salige verstand, was damit gemeint war, und gab die getrockneten Kräuter in Gläser. Die anderen Saligen holten die Tinkturen, ließen sie durch ein Sieb laufen und füllten sie in kleine Flaschen ab.Sobald die Arbeit getan war, bedankte sich Salome bei den drei Frauen und war auf einmal vollkommen ruhig. Alles war geordnet, abgeschlossen. „Wie schön“, sagte Salome wieder und lag in den Kissen wie ein Kind, an dem die Jahre wie im Flug vorübergezogen sind.
Am Abend wollte sie den Sonnenuntergang sehen, also hoben die Saligen sie wieder in den Lehnstuhl und trugen sie behutsam vors Haus. „Möchtest du etwas Suppe?“, fragten sie und streichelten ihre Hände, die wie welke Blätter in ihrem Schoß lagen. „Oder brauchst du eine Decke?“ „bemüht euch nicht, mir geht es gut“, antwortete Salome. „Dieser zartblaue Himmel… die Wolken mit den goldenen Rändern… so wird das Fortgehen leicht.“

Sie saß eine Weile so da, war zufrieden und von allen Sorgen befreit. Dann schloss sie für immer die Augen. Auf ihren Lippen ruhte ein Lächeln. In ihrem Gesicht spiegelten sich herrliche Farben des Abendrots. Die Saligen hatten geahnt, dass es so kommen würde, und betteten Salome in der Hütte auf weiße Laken. Sie schmückten den Raum mit Blumen und zündeten Kerzen an. Sie blieben die ganze Nacht über am Totenbett und beteten, als wäre Salome ihre eigene Mutter gewesen.

Am Morgen setzten sich die drei an den Tisch und schrieben mit zierlichen Buchstaben einen Brief: „Hochwürdiger Herr Pfarrer, die alte Salome ist gestorben. Ihr letzter Wunsch war ein christliches Begräbnis und ein Grab auf den Friedhof von Reschen.“ Die Saligen gaben den Brief einem Holzfäller mit; kurz darauf hörten sie in Reschen die Totenglocke läuten. Der Pfarrer hatte den Brief also erhalten. Er war bestimmt schon auf dem Friedhof und suchte einen Platz für Salomes letzte Ruhestätte aus.

Zwei Tage vergingen, dann trat der Pfarrer mit vier Männern in die Waldhütte. Er segnete Salome, ließ sie in einen Sarg legen und anschließend nach Reschen bringen. Die drei Saligen hatten sich wieder in Tauben verwandelt. Sie flogen von Baum zu Baum und begleiteten den kleinen Trauerzug. In Kumpatsch gesellten sich mehrere Familien dazu, auf der Landstraße schlossen sich ihnen weitere Leute an. Sie kamen aus Mals, Schlinig, Taufers… Selbst aus Laas und Nauders waren welche dabei. In Reschen wurde der Trauerzug noch länger, die Leute sangen feierliche Lieder. Der Messner, die Frau vom Sattler, die Hebamme, die junge Weberin – alle waren da. Sie gaben Salome das letzte Geleit. So, als wäre sie doch eine von ihnen gewesen.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung
 
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