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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 19. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 19.12.2017
 
Martin & Jenny mit der Advents-Sage vom 19. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Vom reichen Grafensohn
Reiner zügelte das Pferd und blieb vor einer Weggabelung stehen. Links war Wald, rechts war Wald. Wohin jetzt? „Kommt drauf an, was du suchst“, krächzte ein Weiblein, das bei den Tannen stand, als ob es dort auf ihn gewartet hätte. Sein Haar war grau wie Baumbart, auf seinem Faltenmund sprang ein Lächeln hin und her. „Nun was ich suche…“, begann Rainer, stieg vom Pferd und hoffte, dass das Weiblein ihm helfen konnte. „…ist ein Mädchen, das mich von Herzen liebt. Ich bin seit Tagen unterwegs und traf nur kichernde Mägde oder herablassende Töchter von Edelleuten.“ „Wenn das so ist“, meinte das Weiblein, wackelte mit dem Kopf und forschte: „Würdest du für deine Braut alles tun?“ „Ja“, antwortete Rainer. „Würdest du sie glücklich machen und ehren?“ Rainer legte drei Finger aufs Herz: „Und wie.“ „Gut, dann verrate ich dir wo ein besonderes, ja außergewöhnliches Mädchen ist“, versprach das Weiblein. „Sie zu finden ist leicht, nur der Rest könnte schwierig werden. Also pass gut auf und präge dir meine Worte ein.“ Rainer hörte dem Weiblein aufmerksam zu, schlug danach den Weg links ein und winkte voller Freude zurück. Sein Wunsch würde in Erfüllung gehen und das schon bald. „Danke“, rief er noch. „Vielen Dank.“

Kurz darauf kam er zu einem Schloss mit spitzen Giebeln und schlanken Türmen und fand alles so, wie das Weiblein es gesagt hatte: Im Hof war ein Brunnen mit silbernem Wasserhahn, dahinter waren eine breite Marmortreppe und das Wohngebäude. Unmittelbar darüber befand sich der Saal, in den Rainer gehen musste. „Nimm aber nicht die Haupttreppe, sondern die Wendeltreppe von der Schreibstube aus“, klang es noch in seinen Ohren. „Das ist der kürzeste Weg. Du musst schnell sein, wenn du das Mädchen in den Armen hältst. Da zählt jede Sekunde.“

Rainer fand die Schreibstube unter einem Söller mit vergoldetem Geländer, sprang die Stufen hinauf und stand schließlich in dem Saal. Er war lang und von Licht durchflutet. Auf dem Tisch lagen ein goldenes Messer und drei herrliche Orangen. Rainer nahm sie abwechselnd in die Hand, drehte sie und entschied sich für die kleinste. „Wenn das nur nicht schief geht“, murmelte er, drückte das Messer in die weiche Schale und schnitt die Orange genau in der Mitte durch. Rasch wurde eine Hälfte braun, aus der anderen aber spross ein Keim und formte sich zu einem Mädchen, das so zart wie eine Schneerose war.

Rainer konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Er vergaß die Welt und erst recht die Worte des Weibleins: Du musst zum Brunnen laufen und das Mädchen unter Wasser halten. Zu spät, das zierliche Wesen verwelkte, bis nur noch ein paar trockene Blätter übrig waren. Zerknirscht legte Rainer die Blätter auf den Tisch, nahm die mittelgroße Orange und schnitt sie mit zittrigen Fingern durch. Eine Zeitlang geschah nichts, dann zerfiel eine Hälfte zu Staub, aus der anderen aber wuchs ein Mädchen, das so lieblich wie eine Narzisse war. Rainer hob es sofort hoch und lief, was die Beine hergaben. Aber im Hof blieb er stehen und raufte sich die Haare. Er hatte den langen Weg über die Marmortreppe gewählt. Das arme Mädchen war verdorrt, zerbröselt und rieselte durch seine Finger wie Sand.

Niedergeschlagen ging Rainer zurück in den Saal, seufzte, nahm die dritte Orange in die Hand. Schön war sie, dieser Duft, diese kräftige Farbe. Diese Orange war leider auch die letzte. Dieses Mal durfte Rainer nicht versagen. Er schloss eine Weile die Augen, griff anschließend zum Messer und schnitt die Orange wieder entzwei. Ein Atemzug später wurde eine Hälfte schlaff, aus der anderen drehte sich eine Knospe und erblühte zu einem Mädchen, das edel wie eine Lilie war. „Schnell!“, rief Rainer, hastete mit dem Mädchen die Wendeltreppe hinab jagte zum Brunnen und hielt es unter den silbernen Wasserhahn. Das Wasser floss über das weiche Gesicht und den Hals, das Mädchen hob die Brust und atmete. Als es die Augen aufschlug, kroch Rainer die Freude rot ins Gesicht. Er hatte es geschafft. Er… er hatte… Herrjeh, ihm fehlten die Worte.

Er gab dem Mädchen den Namen Liliane und spazierte mit ihm, als es bei Kräften war, durch den Schlossgarten. In den Beeten blühten Glockenblumen, Nelken dufteten, in einem kreisrunden Teich öffneten Seerosen ihre Knospen. Rainer setzte sich mit Liliane auf eine Bank und nahm zärtlich ihre Hand. „Ich schenke dir alles, was ich habe: Meine Liebe und ein Zuhause, das noch prächtiger ist als das hier. Willst du meine Frau werden?“ „Ja“, antwortete Liliane und legte ihre Stirn an seine Wange „Es gibt nichts, was ich lieber täte.“ Die Beiden saßen eine Weile so da, später liefen sie fröhlich über den Kiesweg, rochen am Jasmin und an den Heckenrosen.

Danach wollte Rainer seine Braut in einer Kutsche nach Hause bringen, holte das Pferd und suchte die Stellplätze. Liliane wartete unterdessen im Garten, ging zum Springbrunnen und sah den Wasserspielen zu. Es war ein plätschern und Raunen, ein Gluckern und… Völlig unerwartet stand eine Frau hinter ihr. Sie lächelte und grüßte überaus freundlich. Sie trug ein Kleid mit Schleppe, und ihre Stimme war honigsüß. „Du bist ein Orangenkind, nicht wahr? Was machst du hier so allein?“ „Ich warte auf meinen Liebsten“, erwiderte Liliane, „wir werden heiraten.“

Die Frau säuselte: „Oooh, er ist schön?“ „Ja“ Die Frau flötete: „Oooh, ist er reich?“ „Er ist der Sohn eines Grafen.“ „Dann nimm das!“, zischte die Frau auf einmal und riss eine Zaubernadel aus dem Haar. Liliane spürte den Stich und rief um Hilfe, doch aus ihrem Mund kam nur noch ein Kreischen. Sie wollte die Nadel herausziehen, aber sie schrumpfte zusammen und hatte plötzlich ein weißes Federkleid. Entsetzt flatterte sie auf und suchte Schutz in den Bäumen. „Flieg, Täubchen, flieg“, lachte die Frau, warf stolz die Schleppe herum und eilte zum Nachbarhaus. Dort lehnte ein Mädchen am Zaun und fragte: „Und, Mama, ist alles gut gegangen?“ Die Frau lachte wieder. „Was denkst du denn, mein Teil ist erledigt. Jetzt kommst du ins Spiel, Elsa.“

Inzwischen hatte Rainer die Stellplätze gefunden, spannte das Pferd vor eine Kutsche und fuhr zum Garten. „Liliane, wo bist du?“, rief er. „Hier, mein Liebster“, antwortete Elsa und ging auf ihn zu. Sie sah aus wie Liliane. Sie bewegte sich wie sie… „Komm“, sagte Rainer, hielt seine Kutsche an und half Elsa beim Einsteigen. Das Schloss lag bereits ein Stück zurück, da kam eine weiße Taube angeflogen und wollte auf Rainers Schulter landen. „Hau ab, blöder Vogel“, schimpfte Elsa. „Verschwinde, du dreckiges Federvieh!“ Die Taube flatterte auf, kreiste ein paar Mal um die Kutsche herum und ließ sich dann auf Rainers Knie nieder. Sie gurrte und trippelte. Sie reckte die Flügel und schaute ihn mit treuen Blicken an. „Du bist aber zutraulich“, meinte er, strich ihr sacht über den Rücken und auch über den Kopf. Doch was hatte sie da? Es war klein und rund und fühlte sich glatt an.

„Finger weg!“, befahl Elsa. „Das ist eine eitrige Wunde! Rühr den Vogel nicht an, du wirst dir den Tod holen!“ „Wie du dich um mich sorgst“, bemerkte Rainer und zog die Nadel heraus. Allerhand, die Taube wuchs! Mit leisem Rascheln fielen die Federn ab. Plötzlich gab es Liliane doppelt. Rainers Blicke sprangen zwischen den beiden Mädchen hin und her; auf einmal fuhr Elsa hoch, als hätten sie Schlangen gebissen.

„Das ist die falsche Braut!“, schrie sie und schubste Liliane herum. „Dieses Miststück will sich nur einen Grafensohn angeln!“ „Das willst schon du!“, gab Rainer zurück, stellte sich vor Liliane und hielt Elsa an den Handgelenken fest. „Hast du tatsächlich geglaubt, ich falle auf diesen Schwindel herein?“, fragte er, ohne auf eine Antwort zu warten. „Liliane ist etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Keine kann unbemerkt an ihre Stelle treten. Und du erst recht nicht.“ Mit diesen Worten hielt er die Kutsche an und zwang die falsche Braut abzusteigen.

Danach fuhr er mit Liliane heim, drückte sie an sich und zupfte ihr noch ein paar weiße Federn vom Kleid. „Weiß, wolkenweiß, hochzeitsweiß“, steigerte er, fand in der Kutsche weitere Federn und warf sie in die Luft, sodass sie wie Schnee aufstoben. Das Pferd trabte gemütlich weiter. An der Weggabelung stand das Weiblein und winkte.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung
 
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