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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 20. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 20.12.2017
 
Mirjam und Mirela mit der Advent-Sage vom 20. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Die Grenzsteinversetzer
Es war eine laue Sommernacht. In den Feldern um Mals schwebten Glühwürmchen, am Himmel schimmerten unzählige Sterne. Sepp stand an der Wehre, öffnete das Schwellbrett und leitete Wasser in den Waal seiner Wiese. Wie herrlich es rauscht, dachte er. Und dieser kühle Hauch, den das Wasser verbreitet… Im Gegensatz zu anderen Bauersleuten liebte er es, seine Wiese zu bewässern. Auch wenn es dabei spät wurde und er am nächsten Morgen früh aufstehen musste. Sepp ging ein paar Meter den Waal entlang, dann schlug er ein Blech in das Bett des kleinen Baches ein, so dass das Wasser sich aufstaute. Rasch floss es über, mit leisem Gluckern ergoss es sich in die Wiese. Da, ein paar Mäuse liefen durch das Gras. Das Wasser hatte sie aus ihren Gängen vertrieben. In der Dunkelheit sahen sie aus wie kleine graue Wollknäuel, die irgendwohin rollten.

Gegen elf kam der Mond hinter einem Bergrücken hervor; er hatte einen strahlenden Hof und war fast halbvoll. Die Rundung war links, also war er abnehmend. Sepp war froh um das spärliche Licht, zog das Blech aus dem Waal und schlug es ein paar Schritte weiter wieder ein. Damit das Wasser die ganze Wiese erreichte, musste er das Blech noch mehrere Male weiterstellen. Über Nacht hatte die Erde Zeit, das Nass anzusaugen. Bewässert wurde dann erst in zwei Wochen wieder. „Das ist lange hin bei dieser Trockenheit“, sagte Sepp zu sich selbst, als er mit der Arbeit fertig war. Jetzt musste er nur noch das Schwellbrett schließen und das Wasser in den Dorfwaal zurückleiten. Die anderen Bauersleute brauchten es für ihre Felder. Sepp ging zur Wehre, unterdessen begann am Malser Kirchturm die Uhr zwölf zu schlagen. „Zeit, schlafen zu gehen“, meinte Sepp und gähnte herzhaft.

Plötzlich blieb er stehen. Was war das für eine seltsame Gestalt am Grenzstein? Wieso schimmerte sie so weiß? „Wer ist da?“, fragte Sepp und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Gestalt antwortete nicht. Mit einem Mal aber stand eine zweite daneben, gab ein gruseliges Jaulen von sich und tappte um den Grenzstein herum. Sepp wollte die beiden verscheuchen und schimpfte: „Verschwindet, ihr habt da nichts zu suchen!“

In diesem Moment aber wuchs eine dritte Gestalt aus dem Boden. Im Unterschied zu den anderen war sie pechschwarz. Sie hatte Aigen wie Feuerräder und sprang wie ein Bock um den Grenzstein herum. Sepp fand das gar nicht lustig. „Na wartet, ihr Saubande, mich so zu erschrecken!“, rief er und marschierte auf die drei Gestalten zu. Das waren bestimmt die Nachbarsbuben. Die waren frech wie Wanzen und hatten ständig Dummheiten im Kopf.

„Jesus, Maria!“, stammelte Sepp auf einmal und blieb wie angewurzelt stehen. Das waren nicht die Buben. Die zwei Gestalten waren niemand anders als Gregor und Gustav, seine verstorbenen Vettern! Die schwarze Gestalt hingegen kannte er nicht. Zu seinem Entsetzen begann sie auch noch zu reden. „Komm nur und schau uns ein bisschen genauer an.“ Die Stimme klang hohl wie aus einer Totengruft und ließ das Blut in Sepps Adern stocken. „Jesus, Maria!“, stammelte er wieder. Dann machte er kehrt und flüchtete Hals über Kopf über die Wiese. Er rannte quer durch die Felder und erreichte außer Atem seinen Hof. Ihm war sterbensübel. In der Nacht redete er wirres Zeug und bekam Fieber, das ein paar Tage lang anhielt.

Als die Wiese nach zwei Wochen wieder bewässert werden musste, übernahm Alois, der Knecht, die Arbeit. Ihm erging es nicht anders als Sepp: Um Mitternacht tauchten die drei Gestalten auf, hüpften um den Grenzstein herum und erschreckten Alois fast zu Tode. Er lief in heller Aufregung heim und bekam ebenfalls Fieber. „Schrecklich“, stammelte er in einem fort. „Schrecklich… dieses fürchterliche Jaulen, diese glühenden Augen…“

„Oje“, seufzte Sepp und begriff sofort, was geschehen war. „Du hast die drei Gestalten gesehen. Zwei von denen sind meine verstorbenen Vettern. Die haben mir die Wiese vererbt.“ Er beruhigte Alois und meinte: „Gregor und Gustav haben zu Lebzeiten jemanden um ein Stück Grund betrogen. Du verstehst schon – Grenzstein ausgegraben, ein Stück in die eigene Wiese hineinversetzen, Grenzstein wieder eingraben. Es kann nur so sein. Zur Strafe müssen die Gauner jetzt in der Nacht herumgeistern.“
Alois erholte sich bald vom Fieber und ging mit Sepp zum Pfarrer von Mals. Dem waren bereits öfter unheimliche Wesen begegnet. Der kannte sich in solchen Dingen bestens aus. Der Pfarrer hörte sich die Geistergeschichte an und schob nachdenklich die Lippen vor. „Wenn ihr von drei Gestalten Ruhe haben wollt“, riet er schließlich, „müsst ihr Gregor und Gustav erlösen. Geht um Mitternacht zur Wiese, ruft die beiden beim Namen und fragt sie nach ihren Wünschen.“

„Das sollen wir tun?“, empörte sich Alois und wurde gleichzeitig blass. „Jesus, Maria!“, entfuhr es Sepp, wie so oft, wenn er sein Entsetzen zum Ausdruck bringen wollte. „Ihr müsst die drei loswerden. Ihr müsst euch überwinden“, drängte der Pfarrer. „Aber nehmt euch in Acht vor der schwarzen Gestalt. Das ist der Teufel höchstpersönlich… Und den, den kann keiner erlösen.“ Sepp schluckte ein paar Mal und Alois gab auf dem Heimweg keinen Ton mehr von sich. Bei der Arbeit im Feld schaute er drein, als hätte ihn ein Pferd in den Bauch getreten, und schüttelte sich, als müsste er Bremsen verjagen.

Erst beim Abendessen machte Alois den Mund wieder auf. „Mit dem Teufel will ich nichts zu tun haben!“, entschied er und warf den Löffel in die Pfanne, dass Mus auf das Tischtuch spritzte. „Und überhaupt, Sepp, ich bin nur dein Knecht. Das sind deine Vettern!“ Mensch, Alois, du kannst mich doch nicht im Stich lassen“, bettelte Sepp. „Wenn du mi nicht hilfst, geistern die drei noch in hundert Jahren um den Grenzstein herum. Und wie soll das werden, wenn die Wiese wieder zu bewässern ist? So kann sich keiner von uns mehr da hintrauen.“ „Trauen oder nicht“, erwiderte Alois und brummte noch etwas, das nach „Ist mir doch Wurst“ klang. Vielleicht sagte er auch: „Ich esse lieber Wurst.“

Aber egal. Er erhob sich, schritt polternd von der Stube in die Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Nun hatte Sepp also die drei gespenstischen Gestalten alleine am Hals. Er nahm sich jeden Morgen vor, auf die Wiese zu gehen und seine Vettern zu erlösen. Doch kaum war es Abend, verflog dieser Vorsatz. Wie ein Schwalbenschwarm, der im Herbst in den Süden zieht. Oder wie Wolken, die am Himmel dahintreiben und dann hinter dem Horizont verschwinden. So verging es Tag um Tag. Sepp konnte es drehen und wenden, wie er wollte, um das Bewässern kam er trotzdem nicht herum.

„Diese blöden Vettern!“, murrte er schließlich und stapfte wütend zur Wiese. „Sie betrügen andere Leute und ich kann die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben:“ An der Wehre angekommen, zog Sepp das Schwellbrett hoch und ließ das Wasser in den Waal. Es war wieder abnehmender Mond, sein sanftes Licht fiel ins Gras. Ein friedlicher Anblick – wenn diese Sache mit den Vettern nicht gewesen wäre. Gegen Mitternacht hatte Sepp die Wiese fertig bewässert und leitete das Wasser in den Dorfwaal zurück. Danach begann die Turmuhr zwölf zu schlagen. Sepps Herz schlug mit, immer schneller und schneller. Schon fing es am Grenzstein zu spuken an. Dieses Mal tauchten alle drei Gestalten gleichzeitig auf, grölten schaurig und liefen wild um den Grenzstein herum.

Und Sepp, was tat der? Er hatte einen Frosch im Hals und rief mit heißerer Stimme: „He, Gregor!“ Daraufhin fing der kleinere der beiden Vettern an, Grimassen zu schneiden; die schwarze Gestalt hingegen lachte, als ob ein Kübel über Steine rollen würde. Sonst passierte nichts. Also räusperte sich Sepp und rief: „He, Gustav!“ Ein Moment der Stille entstand, dann bekam der größere der beiden Vettern ein Maul wie ein Wolf und fletschte die Zähne. Aus den Augen der schwarzen Gestalt aber sprühten auf einmal Funken, Hörner wuchsen aus ihrem Kopf und am Grenzstein stand der leibhaftige Teufel.

Er war groß wie ein Baum. Er kam näher, näher… Vor Angst vergaß Sepp, die Vettern nach ihren Wünschen zu fragen und hatte nur noch eines im Sinn: Rennen. „Alle Heiligen steht mir bei“, betete er, jagte den Dorfwaal entlang und sprang über Steine. Der Teufel war so nahe, dass sein Schnaufen zu hören war. „Gregor und Gustav gehöen mir!“, brüllte er. „Sieh das ein, sonst brätst du in meinem Höllenfeuer!“ Bloß das nicht, dachte Sepp, verdrückte sich in einem Maisfeld und schlich von dort aus zu seinem Hof. Vom Teufel war bald nur noch ein entferntes Fluchen zu hören. Und von den Vettern ein unterdrücktes Heulen.

Nach diesem Vorfall ging auch Sepp nachts nicht mehr auf die Wiese. Aber was nun? Was sollte er tun? „Das einfachste der Welt“, fiel ihm ein. „Ich muss das, was nicht mir gehört, zurückgeben. Vielleicht lösen sich dann alle Probleme von selbst.“ Frohen Mutes suchte Sepp die Leute auf, deren Felder an seine Wiese grenzten und fragte: „Ist jemand von euch von meinen verstorbenen Vettern um ein Stück Grund betrogen worden?“ „Ja, ich“, antwortete prompt eine alte Bäuerin. „Das ist inzwischen dreißig Jahre her. Sie haben den Grenzstein immer nur ein paar Zentimeter verschoben. Irgendwann wurden daraus mehrere Meter, doch ich konnte ihnen den Betrug nie nachweisen.“ „Halunken, Schlitzohren!“, schimpfte Sepp und stellte mit Hilfe der Bäuerin den Grenzstein wieder an den richtigen Platz.

Danach wartete er hinter einem Baum, bis es Mitternacht wurde. Er wartete bis eins, wartete bis zwei, kam in der nächsten Nacht wieder und sah sich erneut um. Doch am Grenzstein war niemand mehr. Keine verstorbenen Vettern, kein Teufel mit Augen wie Feuerrädern. Die Gespenstersache war ausgestanden. Und der Gerechtigkeit war genüge getan.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung
 
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