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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 22. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 22.12.2017
 
Chefin Meggy & Dekorateurin Siegi mit der Advents-Sage vom 22. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Der Riese Ortler
Vor vielen Jahren lebten in den Bergen des Obervinschgau Riesen und Zwerge. Sie liebten die tiefen Wälder, die steilen Hänge und die sonnigen Hochebenen. Voller Ehrfurcht blickten sie zu den schroffen Felsen und mächtigen Gletschern auf. Einen Wermutstropfen gab es im Leben dieser großen und kleinen Leuten aber doch: Die Riesen konnten die Zwerge nicht leiden, und umgekehrt verhielt es sich genauso. Nieste eine Riesen, mussten sich die Zwergenfrauen an den Sträuchern festhalten, um nicht fortgeblasen zu werden. Tappte ein Riese durch den Wald, mussten die Zwerge rasch zur Seite springen, damit sie nicht zertreten wurden. „Rücksichtloses Pack!“, schalten die kleinen Leute die Großen dann. „Lästige Winzlinge!“, bekamen sie zur Antwort. „Knirpse, Dreikäsehoch! Überall wuselt ihr herum und steht uns im Weg!“
Die Kinder der Riesen kamen ganz und gar nach ihren Eltern. Wenn sie um die Wette liefen, erzitterten in den Höhlen der Zwerge die Wände wie bei einem Erdbeben. Spielten die Riesenkinder Ball, klapperte beim Zwergenvolk das Besteck im Schrank und von der Decke rieselte Sand.

Eines dieser Riesenkinder hieß Ortler. Der Bub war groß und stark, gewann jedes Spiel und wurde den anderen Riesenkindern gegenüber immer hochnäsiger. „Ätsch“, lästerte er, „ihr seid richtige Schleicher. Um nicht zu sagen, Schnecken im Rückwärtsgang.“ „Du hast leicht reden“, beschwerten sich die anderen. „Du bist ja auch ein paar Jahre älter als wir und obendrein ein echter Quadratschädel.“ Daraufhin gab es tüchtig Prügel, aber Ortlers Freunde zogen erneut den Kürzeren. Manchmal kamen sie mit blauen Beulen heim und gelegentlich gab es auch eine blutende Nase.

„So ein Grobian“, schimpften die erwachsenen Riesen und setzten den Streitereien ein Ende, indem sie Ortler mit auf die Jagd nahmen. „Jetzt kannst du zeigen, ob du wirklich was kannst“, meinten sie. „Groß reden kann nämlich jeder und mit den Muskeln spielen, du Tunichgut!“ Zuerst brachten die Riesen Ortler das Fallenstellen bei, danach zeigten sie ihm das Bogenschießen und das Speerwerfen. „Das ist nichts“, lachte Ortler, „ein Klacks.“ Er war unglaublich geschickt und obendrein schnell. Bald war er der beste Jäger von allen und – wie konnte es anders sein – noch hochnäsiger als bisher.

Eines Tages ging den Riesen ein Braunbär in die Falle. Ortler war ein Frühaufsteher; er entdeckte den Bären bei Sonnenaufgang, briet ihn und aß ihn mit Genuss auf. „He, das war unser gemeinsamer Fang!“, protestierten die Riesen, als sie die Bärenknochen daliegen sahen. „Haltet bloß die Klappe!“, schnarrte Ortler gereizt. „Was kann ich dafür, wenn ihr faules Pack nicht eher nicht eher aus den Betten kommt?!“ Zwei Wochen später schnappte Ortler den Riesen einen Auerochsen vor der Nase weg, trocknete das Fleisch und gab seinen Freunden nicht ein Stück davon ab. Außerdem nannte er sie Nieten und Versager. „Das reicht!“, schimpften die Riesen. „Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben. Unverbesserlicher Kerl, von nun an gehen wir allein auf die Jagd.“ Ortler beschloss, jetzt doch mildere Töne anzuschlagen – am nächsten Morgen lungerte er vor den Höhlen seiner Freunde herum und tat so, als ob er kein Wässerchen trüben könnte.

„Ach, seid doch nicht so“, flötete er. „Lasst uns auf Wildschweinjagd gehen.“ „Das hättest du dir früher überlegen sollen“, bekam er zu hören. „Lass das Gejammere und verschwinde endlich!“ Murrend zog Ortler ab; in seiner Wut brach er Steine von den Felsen und warf sie herum. „Hilfe!“, riefen die Zwerginnen, die in der Nähe für das Mittagessen Pfifferlinge suchten. „Ortler dreht durch!“, schrien die Zwerge, die für die Naschspeise Himbeeren pflückten. Sie ließen alles liegen und stehen, liefen wie aufgescheuchte Rehe in den Wald und versteckten sich hinter Baumstämmen. So ging das nun Tag für Tag: Ortler wurde von den Rieden verjagt und warf beleidigt mit Steinen, die kleinen Leute blieben in ihren Höhlen und konnten nicht mehr ins Freie gehen. Sie zehrten von ihren Vorräten, doch die wurden bald knapp.

Eines Nachts trafen sich die kleinen Leute am Lagerfeuer, um sich zu beraten. Sollten sie Ortler bitten, mit dem Unfug aufzuhören? Bloß nicht, er würde nur noch zorniger werden. Sollten sie eine tiefe Grube ausheben und hoffen, das Ortler hineinfiel? Gute Idee, aber sowas brauchte Zeit. Bis die Grube fertig war, würde das Zwergenvolk verhungert sein. Plötzlich erhob sich Lea, eine junge Zwergin, und tönte: „Ich kennen einen, der Nudelhopf heißt. Er kann uns bestimmt helfen.“ „Nudelhopf?“, fragten alle durcheinander. „Was ist denn das für ein komischer Name? Unsereins heißt Maxi oder Gustl…“ „Nein Nudelhopf!“, beharrte Lea. „Er hat Zauberkräfte und wohnt unten in Stilfs.“
Voller Hoffnung lief sie ins Dorf hinab und klopfte an Nudelhopfs Tür. „Mach auf!“, murmelte sie und klopfte ein zweites und ein drittes Mal. Hoffentlich war Nudelhopf da. Er war ein aufgeweckter Kerl, dem es in Stilfs manchmal zu eng wurde. Deshalb besuchte er oft Zwerge in den Nachbardörfern. Lea klopfte ein viertes und ein fünftes Mal, schließlich knarrte die Tür und ein Zwerg im knielangen Nachthemd stand da.

„Ach, du bist`s“, brabbelte Nudelhopf und blinzelte verschlafen. „Ja“, rief Lea und brachte vor Erleichterung keine vollständigen Sätze hervor: „Ein Riese…Er heißt Ortler… Wir brauchen deine Hilfe!“ Nudelhopf hatte von dem ungestümen Burschen schon gehört, bat Lea ins Haus und ließ sich von ihr die ganze Geschichte erzählen. „Hochmütiger Riesenprotz, rotznäsiger Ortlerklotz!“, schimpfte er dann. Wenn ihm etwas gegen den Strich ging, so waren es ungehobelte Kerle, denen es Spaß machte, anderen auf den Kopf herumzutrampeln und übel mitzuspielen. Ohne zu zögern schlüpfte Nudelhopf in seine Kleider, schloss die Haustür hinter sich ab und folgte Lea in die Berge.

Unterwegs dachte er sich Reime aus und sagte: „Der kühne Hüne tritt gleich von der Bühne. Der Koloss fällt vom hohen Ross.“
Lea musste auch reimen. „Der Koloss machte jetzt Pause und schleicht sich still nach Hause.“

Dann gab es ein Gelächter und beide vergaßen eine Moment lang, wie ernst die Lage des Zwergenvolks war.
Der Morgen dämmerte bereits, als Lea und ihr Begleiter beim Lagerfeuer ankamen. „Der sieht aber nicht aus, als hätte er besondere Fähigkeiten“, tuschelten die kleinen Leute und sahen Nudelhopf neugierig an. „Stimmt das auch, was Lea gesagt hat? Kannst du tatsächlich zaubern?“ „Ein bisschen schon“, antwortete er bescheiden und schmunzelte. „Löscht das Feuer und geht in eure Höhlen. Du auch, Lea. Und halt mir den Daumen, ja!“ Sobald alle in Sicherheit waren, versteckte sich Nudelhopf hinter einem Strauch und heilt nach Ortler Ausschau. „Hochmutiger Riesenprotz, rotznäsiger Ortlerklotz“, sagte er noch einmal und sprach sich Mut zu. Das was er vorhatte, war nämlich nicht einfach. Abgesehen davon, war es auch ziemlich gefährlich.

Mit den ersten Sonnenstrahlen stapfte Ortler heran und ärgerte sich wieder über die Riesen, die ihn fortgeschickt hatten: „Die haben nix im Hirn, die mit ihren Strohköpfen und Kaulquappengesichtern!“ Darauf stieg er auf einen Felsen, setzte sich umständlich hin und warf wie üblich mit Steinen. „Spielverderber! Spießer!“, bellte er noch.
Manche Steine schlugen dumpf auf dem Boden auf, andere zerbrachen und rollten wie Murmeln umher.

„So ist es recht“, murmelte Nudelhopf und eilte im Zickzack zum Felsen, auf den Ortler saß. „Tu mir den Gefallen und bleib, wo du bist. Dann hab ich´s mit dir nicht so schwer, du alter Miesepeter“. Flink kletterte Nudelhopf über Zacken und Risse, erreichte Ortlers Beine und legte dort eine kurze Verschnaufpause ein. „Weiter, weiter“, spornte er sich dann selber an. „Das war der leichte Teil. Bei dem, was jetzt kommt, kann ich nur hoffen, dass der Riese mich nicht bemerkt.“ Nudelhopf hangelte sich an zehn dreckigen Zehen entlang, doch Ortler war kitzelig und zappelte. Nudelhopf kroch durch eine löchrige Hose, aber Ortler dachte an eine Eidechse und schlenkerte ruckartig den Fuß. Unbeirrt kletterte Nudelhopf weiter, kam zu einem Knie, einem Schenkel, stieg über den Rücken des Riesen und zog sich am fransigen Haar wie an Seilen zu seinem unförmigen Ohr.

„Donnerwetter“, brummte Ortler und glaubte, der Wind würde an seinem Schopf zerren. „So ein kräftiges Lüftchen hat schon lange nicht mehr geweht.“ Inzwischen war Nudelhopf auf seinem Kopf, tanzte fröhlich herum und fand auch noch Zeit zum Reimen:

„Ach, Riese Ortler, sie bist du doch klein,
kleiner als das Nörggelein.
Bist gewachsen Jahr um Jahr,
streckst deine Nase in den Himmel sogar.
Doch was nützt dir das, was nützt dir das?
Der Stilfser Zwerg, der Nudelhopf,
ist größer doch, der freche Tropf,
heroben da auf deinem Kopf!“

In dieser Sekunde bemerkte Ortler den Zwerg und maulte: „Nicht genug, dass die Riesen mir auf die Nerven gehen, nun macht sich auch noch ein Winzling über mich lustig!“ Dass schossen seine klobigen Hände heran. „Verflixt!“, rief Nudelhopf, wich ihnen aus und sagte rasch einen Zauberspruch auf: „Ad petram, ad petram!“
In dieser Sekunde bemerkte Ortler den Zwerg und maulte: „Nicht genug, dass die Riesen mir auf die Nerven gehen, nun macht sich auch noch ein Winzling über mich lustig!“ Dass schossen seine klobigen Hände heran. „Verflixt!“, rief Nudelhopf, wich ihnen aus und sagte rasch einen Zauberspruch auf: „Ad petram, ad petram!“
Er wollte gerade vom Kopf springen, doch bevor er dazu kam, wurde er von dicken, wulstigen Fingern ergriffen. Sie schlossen sich um seinen Leib. Sie waren wie ein
Schraubstock, der immer weitergedreht wird. Nudelhopf zappelte und schrie und ihm ging beinahe die Luft aus, da begann Ortlers Körper zu knirschen, als ob ein Felsen
auseinanderbrechen würde.

„Brrr, kalt“, murrte der Riese und löste erschrocken die Finger. Danach wurde erstarr. Von oben bis unten. Und mausgrau. „Das war`s , hochmütiger Riesenprotz rotznäsiger Ortlerklotz“, triumphierte Nudelhopf, zwängte sich aus der Hand des Riesen und schlug vor Freude einen Purzelbaum.

Ortler war zu Stein geworden. Er sah aus wie ein breites, massiges Denkmal. Er war der höchste Berggipfel weit und breit. Das Zwergenvolk hatte das Knirschen auch
gehört, kam aus den Höhlen und jubelten Nudelhopf zu: „Bravo!“ „Jetzt ist Schluss mit dem Verdruss“, reimte Lea und beschloss auch zaubern zu lernen. Für den Fall,
dass ein weiterer Riese durchdrehte.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung