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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 23. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 23.12.2017
 
Brigitte & Lea mit der Advent-Sage vom 23. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Das beschenkte Nörggele
In Afing lebte vor vielen Jahren eine Bauernfamilie. Sie hatte einen kleinen, an einem sonnigen Hang gelegenen Hof; die Bäuerin und der Bauer arbeiteten fleißig und auch die Kinder halfen mit, wo es ging. Doch die Zeiten waren hart, das Geld war stets knapp und auf einen kalten Winter folgte ein heißer trockener Sommer. Mitte Juli gab es endlich ein Gewitter, doch ein Blitz erschlug auf der Weide zwei von drei Kühen. Der Donner, der daraufhin ertönte, war wie ein Knall und versprengte die Schafe.
Erst zwei Tage später fanden sie heim, inzwischen aber waren sie krank. Dann viel auch noch der Bauer im Anger von der Leiter und hatte solche Schmerzen, dass er nicht mehr aufstehen konnte. „Astrid!“, rief er. „Astrid!“ Seine Frau kam aus dem Stall und sah ihn unter dem Kirschbaum liegen. „Herbert, du Ärmster!“, klagte sie. Sein rechtes Bein war gebrochen. Und sein Knie war ganz böse aufgeschlagen.

Astrid brachte ihren Mann ins Haus, reinigte die Wunde und wickelte einen straffen Verband um das Bein. „Du musst es unbedingt hochlegen“, riet sie. „Sonst tut es noch mehr weh und heilt schlecht.“ Herbert tat, was sie gesagt hatte, und harrte ungeduldig in der Stube aus – zwei Wochen, drei Wochen. Trotzdem wurden die Schmerzen immer schlimmer. Das Rüben- und Kartoffelfeld hätten geharkt werden müssen. Andere Arbeiten blieben auch liegen.

Eines Abends saß die Familie am Tisch. Astrid hatte die verbliebene Kuh gemolken und goss Milch in die Tassen. „Esst“, meinte sie und schnitt noch Brot in Scheiben. „Und du?“, fragte Herbert. „Bist du nicht hungrig?“ „Ich…ach…“, schwankte Astrid. Dann rutschten ihre Gesichtszüge durcheinander. „Unsere Getreidevorräte sind aufgebraucht“, schluchzte sie. „Mehr Brot ist nicht da:“ Herbert stellte bestürzt seine Tasse hin, den Kindern stiegen auch die Tränen in die Augen. „Nicht gut“, jammerte Willi, der Jüngste, der noch keine drei Jahre alt war. Und Grete, die Älteste, schob ihrer Mutter schnell die eigene, bereits angebissene Brotscheibe zum Teller hin.
Im selben Moment klopfte es an der Tür – ein Nörggele trat ein. Er hatte weißes Haar und einen langen Bart. Auf den Schultern trug es einen ledernen Rucksack. „Ich habe von eurer Not gehört. Verzagt nicht, bis zur Ernte ist es nicht mehr lange hin“, sprach es und lispelte dabei unhörbar. „Bittet inzwischen eure Nachbarn um etwas Getreide. Und du, Bauer, zeig mir dein Bein. Ich habe Kräuter mitgebracht und verfüge zudem über besondere Heilkräfte.“

Herbert schaute das Nörggele hoffnungsvoll an und die Kinder rutschten nacheinander von den Stühlen. „Kannst du unseren Vater gesundmachen?“ fragte Grete. Willi plapperte: „Fuß, aua. Bitte, mach schnell.“ Die Kinder redeten durcheinander und wurden schließlich so laut, dass sich das Norggele die Ohren zuhielt. „Jetzt ist Ruhe!“, befahl es und lächelte. „Husch, ins Bett mit euch. Morgen werdet ihr schon sehen.“ Die Kinder gehorchten aufs Wort, wünschten allen eine Gute Nacht und gingen schlafen.
Das Nörggele setzte sich zu Herbert und tastete vorsichtig über sein Bein. An der Stelle, an der es gebrochen war, war es dick geschwollen und stark gerötet. „Ui, dein Fuß gleicht einem blühenden Mohnfeld“, scherzte das Nörggele. „Aber keine Sorge, der wird bald anders.“ Darauf nahm es frische Kräuter aus dem Rucksack, legte sie auf Herberts Bein und murmelte: „Spitzwegerich such ich, Breitwegerich brauch ich, Zinnkraut wohl auch, ebenso Malve, Nussblatt und Bärlauch.“ Das Nörggele wiederholte den Spruch ein paar Mal und fuhr mit den Händen über das Bein, als ob es Luft wegfächern wollte.

„Oben ist unten, kreuz ist quer, aus krumm wird gerade, aus hin wird her“, murmelte es weiter und ließ die Hände auch über Herberts und Astrits Stirn kreisen. Die beiden sahen das Nörggele verwundert an, wussten nicht, was sie von seiner Heilmethode halten sollten. Kräuter ja, dachten sie, aber diese komischen Sprüche und das seltsame Fuchteln… Doch sie wollten nicht undankbar sein. „Es ist spät geworden“, sagten sie, nachdem das Nörggele ein paar Mal herzhaft gegähnt hatte. „Übernachte bei uns, wir haben eine Kammer frei.“

Das Nörggele nahm das Angebot an, zuerst aber zerdrückte es die Kräuter zwischen den Fingern und gab sie unter dem Verband auf das Bein. Dann legte es sich schlafen. Auch Astrid und Herbert gingen zu Bett. Am Morgen wachte Astrid erst gegen neun auf und fand Herberts Bett leer vor. Durch das offene Fenster drang ein fröhliches Kichern und mehrstimmiges Lachen. Das Kichern kam vom Nörggele, das Lachen von den Kindern.
Und wer war da im Flur? Schritte tappten zur Kammertür, langsam wurde die Klinke nach unten gedrückt… „Mensch, Herbert, wie ist das möglich?“, rief Astrid und sah, wie ihr Mann ohne Verband in die Kammer trat. „Gute Frage“, antwortete er und zeigte auf sein rechtes Bein. „Alles ist heil, Der Bruch, das Knie. Ich habe bereits die Kühe gemolken, so dass du hast ausschlafen können. In letzter Zeit bist du immer besonders früh aufgestanden und hast viel Arbeit gehabt.“ 

Stürmisch hob er seine Frau aus dem Bett und drehte sich mit ihr im Kreis. „Du, da ist noch was“, sagte er. „Das Nörggele hat nicht nur mich, sondern auch unsere Schafe gesundgemacht.“ Astrid war von den guten Nachrichten ganz überwältigt, küsste Herbert und ließ sich von ihm wieder absetzen. Noch im Nachthemd eilte sie in den Hof und drückte das Nörggele an sich. „Danke“, hauchte sie, weil sie vor lauter Glück fast keine Stimme mehr hatte. „Tausend Dank.“
Das Nörggele blieb noch zum Mittagessen; anschließend schulterte es seinen Rucksack und wollte gehen. Aber Willi hielt es fest und brabbelte: „Du nicht fort. Nein!“ „Genau“, bekräftigten Astrid und Herbert. „Bleib doch bei uns. Damit würdest du uns eine große Freude machen.“

Das Nörggele freute sich auch und nahm den Rucksack rasch wieder ab. „ Ich werde hier aber nicht herumstehen, sondern fleißig mitarbeiten“, lispelte es. „Ihr dürft mir allerdings nie etwas schenken. Und lohnt dürft ihr mir auch keinen geben.“ Astrid und Herbert versprachen es, und danach war das Nörggele nicht mehr zu bremesen. Am Nachmittag zupfte es im Garten Unkraut aus den Beeten und in den kommenden Tagen harkte es das Rüben - und das Kartoffelfeld. Abends erzählte es den Kindern lustige Geschichten. Nachts putzte es sogar noch das Werkzeug blank.

Bald kam die Erntezeit. Das Nörggele dengelte die Sensen, half beim Kornschneiden und las mit den Kindern die Kartoffeln auf. Es achtete auch darauf, dass die Nachbarn das Getreide zurückbekamen, das sie Astrid und Herbert gegeben hatten. Das war auch richtig so. Mit der Ernte hatte die Not auf dem Hof ein Ende und der Bauernfamilie ging es wieder gut.

Allmählich zog der Herbst ins Land. Das Nörggele pflückte im Anger die Äpfel, später holte es Holz aus dem Wald. Anfang Dezember schnitt es bei eisigen Temperaturen die Bäume. Dabei war seine Jacke nur dünn. Seine Hose war mittlerweile abgewetzt und hatte mehrere Risse. Als ein rauer Wind Schnee über das Dach trieb, zog Herbert seine Frau zur Seite. „ Das arme Nörggele friert, es hat schon ganz blaue Hände. Das können wir nicht zulassen.“ Astrid stimmte ihrem Mann zu. „ So geht das nicht weiter. Weißt du was, nächste Woche kommt ohnehin der Schneider ins Haus. Er soll dem Nörggele ein warmes Gewand machen.“

Am Montag breitete der Schneider in der Stube verschiedene Stoffe aus, legte eine Schere sowie Nadel und Faden bereit. Die Maße für das Nörggele nahm er an einem der Kinder ab. Das Zuschneiden und Nähen der Kleider dauerte über eine Woche lang. Nachdem der Schneider mit den Kleidern fertig war, gab Astrid ihm seinen Lohn und bat ihn, nächstes Jahr wiederzukommen. „ Im Mai vielleicht“, meinte sie, gab ihm noch ein frischgebackenes Brot und begleitete ihn anschließend zur Tür.

Danach holte sie Herbert und die Kinder in die Stube und rief auch das Nörggele herbei. Sie musste eine Weile warten, bis alle am Tisch saßen. Dann teilte sie mit einem strahlenden Lachen die Kleider aus. Herbert hatte beim Schneider eine Hose bestellt, Grete einen Rock, Willi eine Lodenjacke… Sie probierten die Kleider gleich an. „Schön sind sie, schön“, lispelte Nörggle. „ Da hat sich der Schneider aber eine Mühe gemacht. Ach was, er hat sich selbst übertroffen.“
Als Astrid das Gewand mit den Borten über den Tisch schob, wurde das Nörggele ernst. „ Oh je, das … das …“, stotterte es, „ … das ist doch nicht etwa … für mich?“ Herbert nickte und legte ihm die Hand auf die Schulter. „ Schau, wir wissen, dass du uns nicht zur Last fallen willst. Aber das tust du nicht, wir sind nicht mehr arm. Es ist nur ein warmes Gewand. Nimm es, du brauchst es wirklich dringend.“ „ Ich weiß“, erwiderte das Nörggele, drückte das Gewand überglücklich an sich und war gleichzeitig todtraurig.

Auf einmal ging alles ganz schnell: Das Nörggele sprang mit dem Gewand auf und eilte in seine Kammer. Mit dem Rucksack auf dem Rücken kam es wieder, rannte mit wehendem Bart durch den Flur, über den Hof und von dort aus über den Acker. Am Zaun blieb es stehen und wischte sich Tränen aus dem Augen. „ Jetzt muss ich fort von diesem Ort“, jammerte es und hastete in Richtung Wald. „Lebt wohl für immer“, rief es noch. „ Ich komme nimmer“. Astrid und Herbert liefen dem Nörggele nach. „ Wo willst du hin? Du gehörst doch zu uns. Bleib da!“ Grete und Willi suchten die ganze Gegend nach ihm ab. „ Nörggele, wo bist du? Nörggele!“ Aber umsonst. Das Nörggele war weg und kam auch nie mehr wieder. Es musste weiterziehen. Zu anderen Leuten, die in Not waren.
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung
 
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