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Geschichten

Advent im Quellenhof - Eine Reise durch Südtirols Sagenwelt - 24. Dezember 2017

By Dagmar Gruber - 24.12.2017
 
Familie Dorfer mit der Advent-Sage vom 24. Dezember 2017
Entdecken Sie in den nächsten 24 Tagen Südtirols Sagen- und Märchenwelt. Täglich gibt es eine neue Geschichte an einem Weihnachtsbaum zu entdecken. Gerne können Sie unsere Sagenbücher an der Rezeption durchblättern.
Die Notwendigkeit des Salzes
Der König stand am Fenster seines Arbeitszimmers, blickte über die sonnenbeschienenen Dächer der Stadt und anschließend weit über sein Land. Dort gab es nur furchtbare Felder und stattliche Dörfer. Ein Gefühl von Stolz stieg im König hoch und ließ seine Brust anschwellen. Ein Diener klopfte an die Tür und brachte Tee; mit vornehmen Handbewegungen nahm der König einen Schluck und ließ dann seine Familie rufen. „Eine Aussprache mit uns allen, so etwas hat es noch nie gegeben“, flüsterte Selina und nahm neben der Mutter auf der ausladenden Polsterbank Platz. „ Das muss aber sehr wichtig sein“, tuschelten die Schwestern Viola und Rosalie und versanken in den breiten Ohrensesseln.

„Ich bin nicht mehr der Jüngste und möchte den Thron abgeben“, begann der König, schritt zwischen seinen Töchtern hin und her und hatte wie immer einen ungeduldigen, näselnden Ton in der Stimme. „ Ich weiß aber nicht, welcher von euch dreien ich das Reich anvertrauen soll. Ihr seid alle klug, seid alle von den besten Lehrern unterrichtet worden…Nun, in einer Woche ist mein Geburtstag. Schenkt mir Dinge, die im Leben höchst notwendig sind. diejenige, deren Geschenk das notwendigste ist, wird zur Königin gekrönt.“

Der König entließ die Familie wieder, also ging Selina in den Schlossgarten und wollte dort über das Geschenk nachdenken. Sie spazierte zur Rosenlaube und schlenderte weiter zum Springbrunnen. Was war im Leben höchst notwendig? Eine Rüstung? Ein Pferd? Das besaß ihr Vater doch längst. Auf der Schaukel kam Selina endlich ein Gedanke: Salz. Speisen wurden damit verfeinert, Nahrungsmittel haltbar gemacht. Der Stallmeister fütterte es in kleinen Mengen den Pferden, damit sie gesund blieben. „ Na also, so schwer war das doch gar nicht“, meinte Selina, ging in die Stadt und kaufte ein zierliches Keramikgefäß. Auf dem Markt ließ sie es mit feinem Salz füllen. Im Stoffladen erstand sie ein Samtkissen, nachtblau und mit weißen Spitzen am Rand. Darauf wollte sie dem Vater das Geschenk überreichen. Es war hübsch und originell. Es war wohl überlegt und würde ihm bestimmt gefallen.

Am Geburtstag trafen im Schloss über zweihundert Gäste ein und gratulierten dem König mit überschwänglichen Worten. Es gab einen Umtrunk und Musik, und danach traten die Prinzessinnen vor. „ Ich weiß, wie wertvoll Kleidung ist“, erklärte Viola und überreichte dem König einen roten Pelzmantel mit Hermelinkragen und Goldborten. „ Ich weiß, wie unentbehrlich Waffen sind“, erläuterte Rosalie und übergab ihm einen Dolch, dessen silberner Griff mit Mondstein verziert war. „Wunderbar“, lobte der König und zeigte stolz die Geschenke herum. „ Ganz wunderbar.“

Jetzt war Selina dran und streckte dem König das Samtkissen mit dem Gefäß entgegen. Doch was hatte der Vater? Wieso hob er so steif den Deckel und kostete angewidert mit dem kleinen Finger das Salz? „Wie, ist das alles, was dir zu meinem Geburtstag eingefallen ist?“, brauste der König auf und schob das Gefäß von sich, als ob Gift drin wäre. „Ein läppisches Gewürz in einem läppischen Töpfchen?“ Selina fiel aus allen Wolken. „ Um Himmels Willen, Vater, das versteht ihr falsch. Salz ist etwas…“ „Herkömmliches, Gewöhnliches!“ „Nein!“, rief Selina. „Salz ist überaus wichtig! Außerdem ist es schwer zu gewinnen. Es kommt aus Bergwerken oder Salzseen und muss auf weiten Handelswegen hierher gebracht werden. Deshalb ist es teuer und manchmal gar nicht leicht zu bekommen.“ Im Saal wurde es still, doch plötzlich fegte der König das Gefäß vom Kissen. „Schweig, sofort!“, fuhr er Selina an. „ Ich biete dir die Möglichkeit, das Reich zu regieren, und was tust du? Du wiedersprichst mir, du blamierst mich. Verschwinde und lass dich im Schloss nie wieder blicken!“

Selina sah seine brennendroten Schläfen, sah das zerbrochene Gefäß, hörte das Schwatzen der Gäste: „Wie respektlos. Wie undankbar.“ „Ihr seid gemein, Vater“, schimpfte sie und ging aus dem Saal. Im Gang wurde sie immer schneller, schließlich rannte sie. Die Schwestern folgten Selina und baten sie, zu bleiben. Die Mutter kam ebenfalls nach und meinte, der König werde sich bald wieder beruhigen. „Sorgt euch nicht“, antwortete Selina und umarmte alle drei. „Ich muss für eine Weile fort. ich schreibe euch und schicke den Brief mit einem Boten.“

Selina lief aus dem Schloss, in der Stadt schob sie sich durch das Getümmel der Leute und wanderte beherzt die Landstraße entlang. gegen Abendberat sie einen Gasthof, in dem häufig Edelleute einkehrten, und grüßte die Wirtin. „Gute Frau, hättet Ihr vielleicht Arbeit für mich?“, fragte Selina freundlich. „Am besten in der Küche. Für die Kochkunst habe ich mich schon als Kind interessiert.“ Die Wirtin sagte ja - also half Selina ihr beim Zubereiten der Speisen, wälzte Kochbücher und probierte schon bald die schwierigsten Rezepte aus.

Die Edelleute konnten von diesen herrlichen Gerichten gar nicht genug kriegen. Das sprach sich herum, selbst der König erfuhr davon. Eines Tages kam sein Abgesandter in den Gasthof und machte vor Selina einen Diener. „ Ich habe eine Nachricht für Euch, mein Fräulein. Die Prinzessin Viola und Rosalie werden das Reich gemeinsam regieren, am Sonntag findet im Schloss die Krönungsfeier statt. Dazu hat der König die erlauchtesten Gäste eingeladen und wünscht für diesen Tag Eure Dienste als Köchin. Natürlich soll nur das Allerfeinste serviert werden.“ „Das Allerfeinste“, betonte Selina und kräuselte geschmeichelt die Lippen. „Grüßt den König von mir. Ich komme gern. Meine Speisen werden ihm stets in Erinnerung bleiben.“

Am Samstag traf sie im Schloss ein, besprach sich ausführlich mit den Mägden und schickte die Küchenjungen mit einer ellelangen Liste einkaufen. Am Sonntagmorgen setzte sie Fleischbrühe auf, füllte Gänse mit Gemüse, verzierte Kuchen mit Mandelsplittern und Marzipan. Dabei leuchteten ihre Wangen wie reife Erdbeeren im Feld. Die Mutter und die Schwestern wussten, dass sie da war. Und der Vater? Tja, der würde es früher erfahren, als ihm lieb war. Um neun läuteten im ganzen Land die Glocken. Viola und Rosalie ritten auf Schimmeln durch die Stadt, Menschen jubelten ihnen zu und strömten zur Krönungszeremonie in die Kirche. Gegen eins traf der Festzug wieder im Schloss ein. Viola und Rosalie schritten in den Saal, die Gäste kamen nach und nahmen an der Tafel Platz. Selina hingegen stand in der Küche am Herd und gab Anweisungen. Auf den Sülzebrötchen fehlte noch die Petersilie, die Weißweinsuppe musste mit Zimt abgeschmeckt werden, der Gänsebraten war mit gedünsteten Apfelscheiben und Lauchstreifen zu garnieren.

Ein Gong kündigte das Essen an, Diener trugen übervolle Platten und dampfende Suppenterrinen in den Saal. Die Vorspeisen zergingen den Gästen auf der Zunge, also schickte der Vater eine Zofe in die Küche und ließ der Köchin seine Anerkennung ausdrücken. Bei der Hauptspeise aber rümpften die Gäste die Nase - der Vater ließ die Köchin in den Saal holen. Als sie vor ihm stand, schob der Vater laut stark seinen Stuhl nach hinten, erhob sich und donnerte: „ Der Braten ist ungenießbar! Das Salz fehlt! Und das an einem Tag wie diesem!“ „Das Salz geht Euch ab?“, fragte Selina mit spitzem Ton und hatte sich die Haube in die Stirn geschoben. „Was soll ich dazu sagen? Ich hab`s weg gellassen, mit Absicht. Ihr sollt endlich merken, dass es im Leben höchst notwendig ist.“

Der Vater sah sie entgeistert an und gab nur mehr abgehackte Sätze von sich. „Diese Worte sind von…Bist du etwa…?“ „…Selina“, half sie nach und nahm die Haube ab. „Ihr habt schon richtig verstanden. Ich bin Eure verstoßene Tochter.“ Die Mutter und die Schwestern nickten Selina verschwörerisch zu; der Vater wusste nicht, wo er mit den Händen hinsollte. Er zupfte an der Serviette und rückte das Besteck zurecht. Dann sagte er kleinlaut: „Ich habe einen Fehler gemacht, Salz ist tatsächlich wichtig.“ „So ist es das?“, hakte Selina nach. „Ja.“ „Und ich? Bin ich auch wichtig?“ „Das bist du“, beteuerte der Vater. „ Ich habe es längst bereut, dich fortgeschickt zu haben. Ich bin oft gereizt, ein unbeherrschtes Mannsbild eben. Aber ich verspreche dir, mich zu bessern. Und du musst mir versprechen, hierzubleiben. Dein Geschenk ist genauso viel wert wie das von Viola und Rosalie. Ich würde mich freuen, wenn es noch eine Krönungsfeier gäbe und ihr das Reich zu dritt regieren würdet.“
 
Dagmar Gruber
Marketing Leitung
 
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